Für wen ist Lerntherapie?

Nicht alle Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, brauchen eine Lerntherapie. Schauen Sie im Folgenden, ob einer oder mehrere Punkte auf Sie bzw. Ihr Kind zutreffen:

Checkliste LRS:
  • Ihr Kind macht bereits über einen längeren Zeitraum sehr viele Fehler? Üben hilft nicht?
  • Ihr Kind weint häufig wenn es aus der Schule kommt oder bekommt Wutanfälle, wenn es ums Lernen geht?
  • Ihr Kind strengt sich an, schafft es aber trotzdem nicht, mit den anderen in der Klasse beim Lesen und Schreiben mitzuhalten?
  • Ihr Kind soll in der Schule „Schreiben wie es spricht“, kommt mit diesem Ansatz aber nicht zurecht?
  • Ihr Kind macht sehr viele Fehler, die Lehrerin sagt „Das wächst sich noch aus!“ und Sie sind aber trotzdem unsicher, ob alles richtig läuft?
  • Ihr Kind hat mittlerweile keinen Spaß mehr an Schule und Lernen und vermeidet alles, was damit zu tun hat?
  • Sie waren mittlerweile schon da und dort, aber nichts hat wirklich geholfen?
  • Sie machen sich Sorgen um die schulische und berufliche Zukunft Ihres Kindes?

 

In meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit als LRS-Therapeutin erlebe ich in der Praxis häufig folgende Schwierigkeiten bei Kindern, die ich (stark vereinfacht) in der folgenden Gruppenbeschreibung zusammenfassen möchte:

Verschiedene Gruppen von Kindern mit LRS

 

Gruppe 1

Kinder, die Rechtschreibung insgesamt nicht verstehen – „Ich versteh das alles nicht – und werde es auch nie verstehen!“äufig erlernen diese Kinder Lesen und Schreiben im Anfangsunterricht nach der „Reichen-Methode“. Sie sollen also so schreiben, wie sie sprechen. Dieser Ansatz birgt viele Schwierigkeiten. Ein Teil der deutschen Schriftsprache (je nach Auslegung des Begriffes „Lauttreue“ um die 50 % ) ist lautgetreu. Bei diesen Wörtern würde der Ansatz funktionieren, wenn die Kinder die Wörter zu jeder Zeit sauber aussprechen würden. Dies kann aber von vielen Grundschulkindern heute nicht mehr erwartet werden. Häufig wird genuschelt, Endungen werden verschluckt, es wird generell undeutlich oder vor allem umgangssprachlich gesprochen.

Dann gibt es in Bezug auf Schriftsprache durchaus eine Systematik. Rechtschreibung besteht aus bestimmten Rechtschreibbesonderheiten, die in der Nutzung aufeinander aufbauen. Diese Systematik von Schriftsprache wird im „Reichen-Ansatz“ bewusst nicht vermittelt, um den Kindern den „Spaß“ am freien Schreiben und am freien Ausdruck nicht zu vermiesen. Einige Kinder erfassen die Systematik von Rechtschreibung trotzdem auch ohne Anleitung, einige Kinder aber nicht. Sie entwickeln dann Lese-Rechtschreibschwierigkeiten.

In der Förderung sind diese Kinder erstaunt und erleichtert, wenn ihnen die Systematik von Rechtschreibung erläutert wird. Sie brauchen ein stetes Transparentmachen und Verdeutlichen des Aufbaus von Schriftsprache. Viele dieser Kinder finden aber erst spät in eine qualifizierte LRS-Förderung und sind dann oft der Überzeugung, sie wären zu dumm, um Rechtschreibung zu verstehen. Dieser Glaube kann sich bis zu einer Verzweiflung steigern („Warum geht es denn nicht??“), erschwert dann erheblich die Arbeit an der Rechtschreibung und muss zunächst (psycho-)therapeutisch angegangen werden.

 

Gruppe 2

Kinder mit verschiedenen „Baustellen“ – „Ich habe mich übrigens gestern mit Tim gekloppt… .“
Diese Gruppe von Kindern fällt durch Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben und zusätzlich noch durch Verhaltensstörungen und/oder emotionale Störungen auf. Sie sind oft sehr stark mit sich selber und ihrem Selbstwert, ihrer Rolle in Gruppen wie zum Beispiel in der Klasse und/oder mit verschiedenen Konflikten etwa nach einer Scheidung mit einem Elternteil oder mit zum Teil eskalierenden Konflikten mit Lehrern beschäftigt.

Dies macht, dass sie die Lerninhalte im Lesen und Schreiben, die in der Schule angeboten werden, nur zum Teil aufnehmen können. Das Lernen ist blockiert. Ein zumeist größerer Teil der inneren Ressourcen und Aufmerksamkeit fließt in die Lösungsversuche für diese Konflikte und Schwierigkeiten.

Diese Kinder brauchen die Möglichkeit, mit jemandem in Ruhe über ihre  Schwierigkeiten zu sprechen und sich zu entlasten und gleichzeitig benötigen sie eine gezielte und systematische Förderung im Lesen und Schreiben. Punktuelle psychotherapeutische Interventionen sind also angezeigt.

 

Gruppe 3

Kinder, denen nach und nach alles egal wird – „Ich schaff das eh alles nicht… .“ oder „Eigentlich will meine Mama, dass ich hier hin gehe…“ – Gefahr einer generalisierten Lernstörung
Diese Kinder sind schon überall und in allen möglichen Förderungen gewesen. Die Eltern suchen jetzt aktuell Hilfe, weil ihr Kind „dicht gemacht“ hat und weil sich die Schwierigkeiten, die sich in den ersten Jahren nur auf das Lesen und Schreiben bezogen haben, sich mittlerweile in allen anderen Fächern bemerkbar machen. Diese Kinder befinden sich dann schon in den allermeisten Fällen in der Sekundarstufe 1.

Im Gespräch oder generell in der Förderstunden sind sie kaum zu motivieren, überhaupt noch etwas im Lesen und Schreiben zu machen. Es kann ein Kampf sein, sie dazu zu bewegen, drei Wörter zu schreiben. Häufig fallen Sätze wie „Ich schaff das eh nicht!“ oder „Was soll das denn alles noch?“ Sie sind sehr deprimiert und haben die Hoffnung, dass es noch eine Lösung für ihre Schwierigkeiten gibt, (scheinbar) schon lange aufgegeben. Hier ist es wichtig, an ihrer Sicht von sich selber und vor allem an ihrem Glauben an sich selber zu arbeiten und diesen langsam wieder aufzubauen. Psychotherapeutische Interventionen stehen hier im Vordergrund und sind absolut notwendig, da sonst die Gefahr einer generalisierten Lern- Leistungsstörung droht. Das bedeutet, dass die Kinder, zumeist trotz guter oder durchschnittlicher Intelligenz nach und nach in allen Fächern „versagen“. Eine begabungsadäquaten Schul- oder Ausbildungskarriere rückt ohne angemessen Förderung bzw. psychotherapeutische Interventionen so in weite Ferne.

 

Wie vor allem bei der Beschreibung der drei Gruppen deutlich wird, kann und darf eine LRS-Förderung oder Lerntherapie nicht einfach nur aus einer Wiederholung oder einer wie auch immer gearteten Aufbereitung der Lerninhalte zum Lesen und Schreiben bestehen. Kinder und Jugendliche mit LRS brauchen zumeist auch, zumindest punktuell, eine psychotherapeutische Unterstützung. So verbindet eine gute Lerntherapie psychotherapeutische Interventionen mit einer systematischen Arbeit am Lesen und Schreiben. Eine reine Arbeit am Lesen und Schreiben dringt nicht zu wichtigen Aspekten der Schwierigkeiten vor. Es geht nicht darum, die Kinder zu pathologisieren, also „kränker zu machen“ als sie eigentlich sind. Es geht darum, den Kindern auf verschiedenen Ebenen so gut es geht nachhaltig, effektiv und ganzheitlich zu helfen, ihnen also die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen.

 

Falls einer oder mehrere der Punkte der Checkliste für Sie zutreffen oder Sie Ihr Kind in einer Gruppenbeschreibung wiederfinden, schauen Sie doch gerne unter „Angebote“, ob und wie ich Sie weiter unterstützen kann.

 

Oder rufen Sie mich einfach jederzeit gerne an!